Zuckerbrot und Peitsche: drei Tage Wandern im Verzascatal

Atemberaubende Aussichten im idyllischen Tessin mit einer feinen Prise Masochismus
Wandern, Verzascatal, Verzasca, Tal, Tessin, Ticino, Schweiz, Trekking
Verborgen inmitten der Lepontinischen Alpen im wunderschönen Tessin, oberhalb des Lago Maggiore, liegt eines der schönsten und urwüchsigsten Wandergebiete der Schweiz. Sattgrüne Wiesen und schattige Wälder werden hier vom frischen Gletscherwasser genährt, das in zahllosen Bächen und Rinnsalen aus den zerklüfteten Bergen dringt und sich im Tal zu einem glasklaren Fluss vereinigt – die Verzasca.
Eine dreitägige Wanderung über den Monte Zucchero (2735 m), durch das Val d’Osura und das Verzascatal.

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Budget: ca. 120 Euro pro Person (inkl. Benzin und Vignette)
Reisezeit: Frühling bis Herbst, idealerweise Sommer
Schwierigkeit: mittel bis anspruchsvoll

Meine Ausrüstung für die Tour:

Packliste Kleidung:

Verpflegung:

  • 500 g Käse
  • 500 g Mehrkornbrot
  • 700 g Landjäger/Hüttensalami
  • 800 g Nüsse
  • einige Nuss-/Obstriegel

Außerdem nützlich: Magnesiumpulver zum Einnehmen (vorbeugend gegen Muskelkrämpfe)

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Prolog

Glasklar und smaragdgrün schimmernd bahnt sich die Verzasca ihren Weg durch das steinige Verzascatal und formte dabei in vielen Jahrhunderten eine einmalige Landschaft. Zwischen blaugrünen Wasserbecken und riesigen weißen Kalksteinfelsen mit ihren glitzernden Quarzeinschlüssen nimmt die Verzasca auf ihrem Weg in den Lago Maggiore jede Form an, die Wasser annehmen kann. Mal blubbert sie gemächlich vor sich hin und fließt unaufgeregt über ein flaches Flussbett, nur um sich im nächsten Moment tosend über eine Gefällstufe zu stürzen und sich mit aller Kraft gegen die riesigen Felsen zu werfen.

Inmitten dieses wilden Tals mit seinen steilen Hängen und zahllosen Wasserfällen findet man immer wieder die kleinen Verzascahäuser (Rustici), gebaut aus grauem Stein und schweren Steinplattendächern. Kleine Kapellen am Wegrand sind Zeuge des christlichen Glaubens, der hier noch tief verwurzelt ist.

Tag 1

Wir beginnen unsere Reise in Basel und brechen an einem Donnerstagmorgen im August gegen 8 Uhr auf. Mit dem Auto fahren wir, nachdem wir eine Vignette gekauft haben, über die Schweizer Autobahn A2 über Olten und Luzern in Richtung Gotthard. Über Airolo geht es nach Bellinzona Süd, wo wir die Autobahn in Richtung Locano verlassen. Auf der Via San Gottardo fahren wir bis Gordola und biegen dort auf die Via Valle Verzasca ab, die uns zum Stausee (Diga di Verzasca) führt. Bei dieser Gelegenheit lohnt sich ein Abstecher auf die Staumauer, die durch den Film „James Bond – Goldeneye“ weltberühmt wurde.

Etwas oberhalb des Stausees stellen wir das Auto am Straßenrand ab und nehmen den Postbus nach Sonogno. Eine einfache Fahrt kostet 8,40 Franken (ca. 8 Euro) pro Person.

Gegen 13 Uhr erreichen wir dann Sonogno, ein verschlafenes, aber malerisches Dörfchen, das den Beginn des Verzascatals markiert. Hier, auf etwa 920 Höhenmetern, wird auch unsere Wanderung beginnen. Allerdings folgen wir nicht dem Wasserlauf der Verzasca in Richtung Süden, sondern bewegen uns auf die Hügelkette zu, die in östlicher Richtung majestätisch über das Dorf ragt.

Am Urlauf der Verzasca entlang folgen wir dem weiß-rot-weiß markierten, gut ausgebauten Wanderweg immer in Richtung der westlichen Bergkette. Nach rund einem Kilometer endet der gepflasterte Weg in Fraced, ab dort beginnt der Wanderpfad. Zwischen Farnen und schattenspendenden Bäumen wird der Weg zunehmend steiler und verläuft bald in Serpentinen den Berg hinauf. Viel falsch machen kann man auf dem Weg nicht, da es bis zur Spitze eigentlich nur zwei Abzweigungen gibt. Man folgt im Endeffekt immer nur der weiß-rot-weißen Markierung bzw. der Beschilderung in Richtung Monte Zucchero / Bocchetta di Mügaia.

Um Wasserreserven braucht man sich im Sommer eigentlich keine Sorgen machen, da man bis zu einer Höhe von rund 2000 Metern immer wieder an kleinen Bächen und Quellen vorbeikommt, aus denen man bedenkenlos trinken kann.

Achtung:
In Sonogno ist die Dauer für den Aufstieg bis zum Gipfel des Monte Zucchero mit 3:35 Stunden angegeben. Mit leichtem Tagesgepäck mag das durchaus machbar sein, jedoch ist der Aufstieg mit einem schweren Trekkingrucksack inklusive Zelt sehr viel zeitaufwändiger. Hier sollte man eher mit etwa 5 Stunden kalkulieren – nicht zuletzt, um auch hin und wieder die unglaublich tolle Aussicht auf das Tal zu genießen oder sich an einem der kühlen Gebirgsbäche zu erfrischen.
Analog dazu lohnt sich übrigens auch dieser Artikel aus der Süddeutschen Zeitung über Mathematik für Bergsteiger.

Gegen 19 Uhr schlagen wir unser Zelt auf einem Plateau auf etwa 2000 Metern Höhe auf. Da wir nicht wissen, wie die Gegebenheiten auf und hinter dem Bergpass sind und wir nicht damit rechnen können, dort oben einen guten Zeltplatz geschweige denn Wasser zu finden, erscheint uns das als die sinnvollste Lösung. Da wir uns auf der windzugewandten Seite des Berges befinden, wird es nachts zwar etwas zugig, die Temperaturen sinken an diesem Wochenende allerdings nicht unter gefühlte 7 Grad. Dennoch bin ich ganz froh um meine leichte Iso-Matte, durch die mir ein kalter Rücken erspart bleibt.

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Tag 2

7 Uhr.

Wir werden vom geschäftigen Glockengeläute der Bergziegen geweckt. Rund um uns herum äsen die Tiere das satte Gras, das unterhalb des Bergkamms wächst. Wir für unseren Teil bleiben im Wesentlichen bei Käse, Wurst und Kaffee sowie der obligatorischen Morgenzigarette.

Es soll ja auch Leute geben, die sich Proteinnahrung in Trockenform mitnehmen und das dann mit Wasser anrühren. Aus Gewichtsaspekten mag das ja sinnvoll sein, aber solange ich noch zwei gesunde Beine habe und keine hochalpinen T5-Wanderungen mit Eispickel und Überhang mache, schleppe ich lieber noch zwei Kilo mehr auf den Berg und weiß dafür, was ich habe.

Aber vielleicht ist das auch nur altmodisch und ignorant.

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Eine Stunde später.

Ich würde den verdammten Käse und die Wurst am liebsten gegen den nächsten Fels schmeißen. Und die Kamera, die mir die ganze Zeit um den Hals baumelt, gleich hinterher. Eigentlich den gesamten Rucksack. Es geht mittlerweile fast senkrecht nach oben und obwohl ich mich für einen relativ schmerzbefreiten Wanderer halte, brennen meine die Oberschenkel und ich merke, wie mein Antritt langsam unsicher wird.

Aber die letzten Meter schafft man dann doch immer irgendwie und freut sich dann umso mehr, wenn man oben angekommen ist. Mit Zeltplatz und Wasser wäre allerdings tatsächlich Essig gewesen, hätten wir uns gestern noch hochgekämpft.

Nach einer kurzen Rast geht es dann auf der anderen Seite wieder nach unten. 1300 Höhenmeter abwärts liegen vor uns, wenn wir es bis zur Osola-Hütte schaffen wollen, die am Fuß des Berges den Beginn des Val d’Osola markiert. Die ersten 200 Meter geht es über loses Geröll. Hat man dieses überwunden, kann man sich wieder an den ersten Gebirgsbächen erfrischen und sich ein paar kräftige Schlücke genehmigen. Etwas weiter unten befindet sich ein natürliches Wasserbecken, in dem man sich wieder auf eine humane Betriebstemperatur bringen kann.

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Kurz darauf passiert man die Redorta-Hütte. Der Weg verläuft weiter talabwärts und bietet durchgehend ein umwerfendes Bergpanorama. Wir erreichen die Osola-Hütte gegen 18 Uhr und sind direkt verliebt.

Toiletten, Dusche, Gasherd, Spaghetti und KAFFEE! Ich hyperventiliere.

Für einen Unkostenbeitrag von 10 Euro pro Person und Nacht darf man Zelten, was das Zeug hält, die Infrastruktur der Hütte nutzen und sich – natürlich maßvoll – an den Vorräten gütlich tun. Wobei es „laben“ in dem Fall doch eher trifft. Aber das Beste ist, dass an diesem Freitagabend die Perseiden vorbeiziehen. Und keine einzige Wolke am Himmel. Genau so hab ich mir das vorgestellt.

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Tag 3

8 Uhr.

Wieder läutet eine Glocke. Diesmal dumpfer und langsamer. Auch näher.

Als ich den Kopf aus dem Zelt stecke, steht eine Kuh vor mir und sieht mich an, wie einen eine Kuh eben ansieht. Vor lauter Freude über meinen Anblick uriniert sie spontan vor das Zelt.

Wir dagegen stellen fest, dass wir anstatt der dritten Packung Landjäger besser etwas Sonnenmilch eingepackt hätten. Unsere Arme sind jedenfalls Schrott. Umso glücklicher sind wir darüber, dass die heutige Strecke nach Brione zum Großteil durch schattenspendenden Wald verläuft. Die Vegetation ist üppig und der Weg schlängelt sich gemütlich am Flussbett entlang. Da es auf dem Weg durch das Val d’Osola keine nennenswerten Steigungen gibt, kommen wir zügig voran und erreichen Brione gegen 14 Uhr.

Nach einer verdienten Pizza in der Pizzeria Ai Piée am Südende des Dorfes geht es weiter in Richtung Lavertezzo. Auch hier ist der Weg gut beschildert und verläuft immer entlang der Verzasca, was ein Verlaufen unmöglich macht. Auch auf diesem Teilstück gibt es viel Schatten und unzählige Möglichkeiten, ein Bad in dem kristallklaren, blaugrün schimmernden Bergwasser zu nehmen.

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Schließlich kommen wir in Lavertezzo an der sagenhaften Ponte dei Salti an. Diese Fußgängerbrücke wurde im 17. Jahrhundert erbaut und ihr Name bedeutet sinngemäß übersetzt „Brücke der Sprünge“. Und wer sich traut, macht dort genau das. Der Sprung von der Brücke in die erbarmungslos kalte Verzasca gilt unter den örtlichen Jugendlichen als eiserne Mutprobe, die die wirklich Harten von den Luschen separiert.

Wir entspannen noch eine Weile am Wasser und lassen uns dann mit dem Postbus zurück zum Auto bringen, das wir in der Nähe des Verzasca-Damms geparkt haben (das letzte Stück zwischen Lavertezzo und dem Staudamm verläuft größtenteils entlang der Straße, daher der Bus). Bevor wir die Heimreise antreten, machen wir natürlich noch einen Abstecher auf den Damm und werfen einen Blick über die Mauern dieses Ungetüms.

660.000 Kubikmeter Beton wurden benötigt, um diese riesige Staumauer zu bauen, die mit ihren 220 Metern die vierthöchste in der Schweiz ist. Berühmt wurde die Staumauer übrigens durch die Anfangsszene von James Bond 007 – Goldeneye, in der Bond in eine fiktive Chemiewaffenfabrik in Nordrussland springt. Etwas unnützes Wissen zum Schluss: die Stunt-Szene gehört laut Sky Cinema zu den besten jemals gedrehten Anfangssequenzen der Filmgeschichte.

Völlig zurecht, wie ich finde.

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Moin, ich bin Julian. Mir wurde einmal gesagt, dass Symmetrie die Kunst des kleinen Mannes sei. Deshalb schreibe ich hier in schöner Unregelmäßigkeit über das Reisen, über Fotografie, über Technik und über andere Dinge, die andere vielleicht auch anders sehen.
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