Sechs Stunden Busfahren in Nepal mit dem Kater meines Lebens

Darf ich vorstellen? Ehrfurcht, angenehm.
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Um sieben Uhr morgens klopft es an unsere Tür. Wir schrecken aus unseren Betten auf.

Shit, das ist Bibek.

Bibek ist einer unserer nepalesischen Freunde, mit denen wir den größten Teil unserer vierwöchigen Reise durch Nepal verbringen. Dank einer langen, alkoholgeschwängerten Nacht mit zehn der Jungs fühlt es sich jedoch an, als würde er nicht an unsere Tür, sondern direkt an den Hypothalamus klopfen. Ich ringe mir ein eher knarziges „Come in!“ ab und spüre wieder jeden Tropfen Raksi, von dem es gestern offensichtlich einige Becher zuviel wurden. Raksi (oder auch Rakshi oder Roksi, man kann sich das wohl aussuchen) ist ein aus Reis, Gerste oder Hirse hergestellter Schnaps, der ein wenig an milchig verwässerten, warmen Korn erinnert, in quasi jedem zweiten Hinterhof gebraut wird und von CNN als eines der 50 leckersten Getränke der Welt betitelt wurde.

Ein Abend mit Raksi und die Party kann losgehen.

Ein Abend mit Raksi und du weisst, was Phase ist.

„Raksi is strong on the nose and sends a burning sensation straight down your throat that resolves itself into a surprisingly smooth, velvety sensation“, heißt es da. Die surprising sensation stellte sich bei mir schon nach drei Bechern ein – allerdings nicht primär in der Kehle, sondern direkt im Kopf.

Der traditionelle Raksi wird in Nepal in großen Tonkrügen destilliert. (Foto: Greg Willis)

Der traditionelle Raksi wird in Nepal in großen Tonkrügen destilliert. (Foto: Greg Willis, Link)

Die Tür geht also auf und Bibek betritt breit grinsend den Raum.

„Good morning, Juliens! Good morning, Manu! Did you sleep well?“

Scheisse, ja. Und ich könnte noch ein paar Stunden mehr gebrauchen. Leider wird daraus nichts werden, denn in einer Stunde geht unser Bus nach Charikot. Von dort aus werden wir eine zweitägige Tour auf den Gipfel des Kalinchowk antreten. Halleluja.

Frühschoppen in Dulikhel, Nepal. Klassiker.

Frühschoppen in Dulikhel, Nepal. Klassiker.

Im Moment befinden wir uns allerdings noch in Dulikhel, einem kleinen Städtchen 50 Kilometer nordöstlich von Kathmandu, nahe der Kathmandu University, wo einige der Jungs studiert haben. Von hier aus wird uns der Local Bus rund 100 Kilometer weiter nach Norden bringen, auf etwa 2500 Höhenmeter. Von dort aus ist Wandern angesagt. Die Schneegrenze wird bei etwa 3300 Meter erwartet, der Gipfel des Kalinchowk liegt auf etwa 3800 Metern Höhe. Also alles im Rahmen des Machbaren – solange man am Vorabend nicht dem Trunke frönte. Während Manu und ich also komplett zerstört aus unseren Schlafsäcken kriechen, flaniert Bibek putzmunter zum Fernseher und rollt erstmal einen Joint. Willkommen in Nepal.

Busfahren in Nepal mit dem Kater meines Lebens. Die Begeisterung steht mir ins Gesicht geschrieben.

Busfahren in Nepal einem Höllenkater. Die Begeisterung steht mir ins Gesicht geschrieben.

Eine Stunde später sitzen wir auf dem Dach eines Tata-Busses, der uns melodisch hupend über die Serpentinenstraßen am Fuße des Himalaya gen Norden transportiert. Über die Fahrtauglichkeit dieses indisch produzierten und nepalesisch gewarteten Vehikels mit „GOOD LUCK„-Aufschrift auf der Stoßstange mache ich mir vorsichtshalber keine Gedanken.

Auf dem Bus unterwegs nach Charikot.

Sechs Stunden, 749 Schlaglöcher, 32 Nahtoderfahrungen, drei Polizeikontrollen und einige Sportzigaretten später sind wir da. Meine Beine sind vom Steißbein aus abwärts taub, im Mund habe ich mehr Sand als Zähne und meine Haare stehen in alle Richtungen.

Doch der Ausblick macht das alles schlagartig vergessen.

Vor uns erhebt sich der Himalaya, das größte Bergmassiv der Welt, in seine gewaltige Höhe von weit über 8000 Metern, hinter uns fällt das Land kontinuierlich bis auf 300 Meter an der Südgrenze zu Indien ab. Ein Landschaftsporno in Grün, Ocker und Weiß. Man spürt förmlich die unerbittliche Kraft der indischen Kontinentalplatte, die weiter und weiter auf die eurasische Landmasse schiebt und nicht aufhört, das höchste Gebirge der Welt noch weiter wachsen zu lassen. Eine 3000 mal 350 Kilometer große Steinmasse, die nicht nur in ihrer Größe einzigartig auf der Welt ist, sondern gleichzeitig auch große Teile Indiens und Südostasiens mit Trinkwasser versorgt. Das Wasser, das hier in kleinen Rinnsalen aus dem Berg dringt, wird irgendwann zum Ganges, zum Brahmaputra, zum Mekong. Zwei Milliarden Menschen beziehen ihr Wasser aus dem Himalaya, von Pakistan über Laos bis ans vietnamesische Mekong-Delta.

Und an dieser Quelle stehe ich also, mit einem höllischen Kater, Sand in den Augen und einem Tee in der Hand.

Verdammt, ist das geil.

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Blick auf die Annapurna-Kette. Von links nach rechts: Annapurna II, IV, III und Gangapurna.
By Leridant – Own work, CC BY 3.0

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Moin, ich bin Julian. Mir wurde einmal gesagt, dass Symmetrie die Kunst des kleinen Mannes sei. Deshalb schreibe ich hier in schöner Unregelmäßigkeit über das Reisen, über Fotografie, über Technik und über andere Dinge, die andere vielleicht auch anders sehen.
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