Kroatien – Geschichte und Mentalität

Wer gar nicht erst versucht, sich im Urlaub in Kroatien in irgendeiner Weise als zuvorkommender und sich beispielhaft verhaltender Tourist zu verkaufen, hat schon gewonnen...
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Die Attraktivität eines Reiselandes steht und fällt für mich mit den Menschen vor Ort. Aber das hängt natürlich sehr stark mit meinen Reisegewohnheiten zusammen. In der Regel mache ich einen großen Bogen um die Annehmlichkeiten eines Fünf-Sterne-Resorts mit All-Inclusive-Angebot und Rundumbespaßung auf einem hermetisch abgeriegelten Gelände. Für überfüllte Pools und teure Drinks kann ich auch in Berlin bleiben. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich Urlaub in Kroatien so liebe.

Kroatien – zwischen Krieg und Karl May

Als im Kroatien des Jahres 1962, also im ehemaligen Jugoslawien, die Dreharbeiten zu dem Wildwest-Film „Der Schatz im Silbersee“ mit dem jungen Götz George beginnen, ahnt noch niemand, dass das Land nur dreißig Jahre später einem echten Krieg anheim fallen wird.
Während der Jugoslawienkriege kämpft die kroatische Armee über vier Jahre gegen die Serben. Rund 13.000 Menschen sterben, fast 40.000 Menschen werden verletzt und über eine Viertelmillion Menschen sind vertrieben. Kroatien gewinnt den Krieg und legt damit den militärischen Grundstein für das Ende des Bosnienkrieges. Doch das Land ist zu großen Teilen zerstört, die Bevölkerung zerrüttet und aufgerieben. Dennoch – Kroatien ist endlich unabhängig und das Land triumphiert über das alte Jugoslawien.

Und heute? Heute tragen die Kroaten mit Stolz ihr Land nach außen und feiern sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Und das aus gutem Grund. Kroatien ist ein Land, das die Zeichen der Zeit in auffallend markigen Lettern auf der Brust trägt. Umso mehr beeindruckt mich immer wieder die stolze und gleichermaßen geerdete Bestimmtheit seiner Bewohner.

Auf den Austausch von Höflichkeiten und sonstigen elitären Gepflogenheiten wird weitestgehend verzichtet.

Manierlichem Verhalten wird von Anfang an mit gesundem Argwohn begegnet, man befleißigt sich stattdessen einer freundschaftlichen Direktheit – die ihrerseits nicht selten in einer Kneipe endet.

Die kroatische Mentalität

Und genau diese unprätentiöse Direktheit der Menschen ist auch das Schöne an Kroatien. Wer gar nicht erst versucht, sich im Urlaub in Kroatien in irgendeiner Weise als zuvorkommender und sich beispielhaft verhaltender Tourist zu verkaufen, hat schon gewonnen.
Charlie, ein alter kroatischer Tanker-Kapitän, der mich im Urlaub auf der Insel Solta in seinem Auto mitnimmt, erklärt mir das so: „We Croatians do not say „thank you“ or „please“, since it is not worth it. When I see that my neighbor is going to build up a new garage, I will be there the next morning with a shovel in my hand. But the neighbor wouldn’t say „thank you“, because that would mean that he will not return that favor.“ Wenn man diesen Spruch und die Mentalität, die diesem Spruch zugrunde liegt, versteht, dann versteht man auch das Land und seine bisweilen rau wirkenden Bewohner.

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Europa

Moin, ich bin Julian. Mir wurde einmal gesagt, dass Symmetrie die Kunst des kleinen Mannes sei. Deshalb schreibe ich hier in schöner Unregelmäßigkeit über das Reisen, über Fotografie, über Technik und über andere Dinge, die andere vielleicht auch anders sehen.
2 Kommentare zu diesem Artikel.

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  • Michel
    10 Januar 2020 at 19:59

    Schade, dass ich Kroatien nicht schon zu Zeiten Winnetous kennen gelernt habe. Das erste Mal war ich mit meiner heutigen Frau 1977 in diesem Land. Auch später in den unruhigen Jahren.
    Regional sind nach meinen Beobachtungen die Leute unterschiedlich drauf. Das betrifft Unterschiede bei den Essgewohnheiten ebenso wie Lebensgewohnheiten. Noch deutlicher sind die Unterschiede in diesem eigentlich gar nicht so großen Land beim Klima und der Vegetation zu beobachten.
    Meine Frau und ich leben seit 5 Jahren im nördlichen Hinterland von Cro.
    Herzliche Grüße
    Michel

    • Julez
      11 Januar 2020 at 18:24

      Hi Michel,
      da hast du natürlich vollkommen recht, pauschalisieren kann man Menschen und Länder sowieso nie (man denke nur an die Badener, Schwaben und Bayern). Das ist ja auch genau der spannende Part am Reisen, dass man sich selbst auch immer wieder mit neuen Situationen und Erkenntnissen konfrontiert bzw. konfrontieren lässt. In den zwei Wochen, die ich in Kroatien verbracht habe, kann man gewisse Dinge natürlich nur erahnen und kratzt maximal an der Oberfläche eines Landes. Umso spannender, dass du dieses Land bereits so lange kennst. Was mir zum Beispiel sehr imponiert hat, war die Hilfsbereitschaft der Kroaten, ohne auch nur den Hauch einer Gegenleistung zu erwarten. Meinst du, so etwas ist auch eher regional ausgeprägt? Ich hoffe jedenfalls nicht :).
      Beste Grüße aus Berlin
      Julian

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